Ein Jahr Therapie – Ein Rückblick

Ein Jahr Therapie – Ein Rückblick

Ein Jahr ist vergangen, seitdem ich mich für eine Therapie bei meinem Skin Picking Disorder entschieden habe. Was habe ich gelernt? Ist es wirklich besser geworden? Wie geht es jetzt weiter? Es folgt, ein kleiner Rückblick und ein Ausblick für das kommende Jahr.

Die letzten Monate

Seit August und meinem letzten Beitrag hat sich tatsächlich nicht grundlegend viel verändert.

Ich war zwischendurch  bei einer Elektrologin, bei der ich mir die Haare aus den Leberflecken im Gesicht entfernt lassen habe bzw. wir damit angefangen haben. Denn diese Art der Haarentfernung wird wohl ca. 5-6 Sitzungen brauchen und diese liegen meistens 5-6 Wochen auseinander. Dieses Verfahren hatte mir meine Hautärztin empfohlen. Ich habe vorher nämlich immer die Haare mit der Pinzette entfernt, wodurch sich die Leberflecken oft entzündet haben. 

Mein Fortschritt bzw. Umgang mit Skin Picking hat sich jedoch so verbessert, dass meine Therapeutin und ich entschieden haben, uns nur noch einmal im Monat zu treffen – Anfang des Jahres war es noch wöchentlich. 

In meinen letzten Therapiestunden haben wir dann oft gar nicht mehr über das Skin Picking an sich gesprochen, sondern vielmehr darüber, was derzeit bei mir ansteht, welche Dinge mich beschäftigen, und und und. 

Ich glaube, viele denken, wenn sie „Verhaltenstherapie“ hören, dass sich die Therapie ausschließlich um das Verhalten dreht, welches verändert werden soll. So ist es aber nicht. 

Die Therapeutin als objektive Situationsbetrachterin

Natürlich haben wir am Anfang versucht, die Ursachen dieser Impulskontrollstörung bei mir zu klären. Aber oftmals gibt es nicht DIE EINE Ursache, sondern oft gibt es mehrere Situationen, die zu dem unerwünschten Verhalten geführt haben. Als Muster, einer Situation zu entkommen, oder mit einem Umstand besser umgehen zu können. 

Als wir zumindest einkreisen konnten, in welchem Situationen das Skin Picking bei mir auftritt, galt es für mich, diese Situationen im aktuellen Tagesgeschehen zu erkennen – und darüber mit meiner Therapeutin zu sprechen. Generell bin ich ein Mensch, der ziemlich viel mit sich allein ausmacht und dem es schwerfällt, um Hilfe zu bitten. Das löst wiederum innere Anspannung bei mir aus und bringt mein Gedankenchaos mächtig ins kreisen. Und das wiederum führt zu einem Spannungszustand, den mein Körper versucht durch externe Entspannung zu lösen. Das ist in meinem Fall dann das Rumknibbeln an Fingernagelhaut, Lippen, Pickelchen ausdrücken, usw. 

 

Motivation für's Durchhalten

Die Therapiestunde hat mir aber genau das möglich gemacht: Sie hat einen Raum geschaffen, in dem ich jemandem all das, was in meinem Kopf schwirrt, mitteilen kann. Noch viel besser: Jemandem, der die Menschen in meinem Leben nicht kennt, der meinen Arbeitsplatz nicht kennt, der mein Zuhause nicht kennt. Das wiederum machte meine Therapeutin zu einer objektiven Beraterin, die mir half, auch mal aus dem Gedankenchaos auszutreten und Dinge anders zu sehen. 

Genau das heißt Therapie nämlich für mich: Es ist nichts weiter als die Möglichkeit, durch jemand Externen aus dem eigenen Kopf geholt zu werden und dementsprechend Situationen anders bewerten zu können. Für mich hat Therapie nichts mit Schwäche oder Krankheit zu tun sondern ist viel mehr die Chance darauf, einen Raum zu betreten, der nur für mich und meine Gedanken reserviert ist. 

Das "Ergebnis"

Natürlich gibt es jetzt nicht ein „Ergebnis“, denn auch die Therapie ist nur der Start eines Weges, den ich bis jetzt begleitet gehen durfte. Allerdings ist die Therapie fast vorbei, ich hab nur noch eine Sitzung über und ab da muss ich den Weg alleine gehen. 

Ehrlich gesagt hab ich natürlich ein bisschen Angst davor. Deshalb habe ich jetzt auch noch nicht den Termin für die letzte Stunde Therapie gemacht. Irgendwie habe ich das Gefühl, mir diese Stunde „aufsparen“ zu wollen, falls ich mal einen „Rückfall“ bekommen sollte. Allerdings weiß ich gerade nicht, was das für ein Rückfall sein könnte, denn ich habe einen ziemlich guten Umgang mit dieser Zwangsstörung gelernt. 

Es ist nicht weg, das wird auch nie passieren. Aber meine Haltung hat sich verändert. Ich verfluche mich nicht mehr, wenn ich doch mal wieder geknibbelt habe. Stattdessen versuche ich zu akzeptieren, dass es gerade so ist und auch herauszufinden, warum ich gerade wieder dies oder das oder jenes getan habe. Das hatte ich ja im August bereits als Erfolg verbuchen können. 

Auch achtet mein Freund jetzt auch mehr drauf, so dass er mich ansprechen kann, ob irgendwas mit mir gerade los ist und mich beschäftigt. Das hilft mir natürlich sehr, mich zu öffnen. 

 

Jetzt gerade im Dezember ist es leider so, dass ich durch meine frühere Neurodermitis wieder unter extrem trockener Haut leide. Gerade die Fingernagelhaut und auch meine Lippen sind deshalb sehr spröde. Krank war ich zwischendurch auch noch, so dass meine Lippen noch trockener waren als sonst. Zudem war ich deshalb eine Woche an die Couch gefesselt, also hatte ich ganz ganz viel Zeit, um mal wieder „genüsslich“ alles wegzuknibbeln, was da war. Langeweile ist zum Beispiel einer meiner Trigger, denn dann hat mein Körper bzw. Gehirn endlich mal die Gelegenheit, den ganzen Stress rauszulassen. 

Meine Lippen sind deshalb gerade ziemlich kaputt. Meine Daumen haben auch schonmal bessere Zeiten erlebt. Und trotzdem bin ich stolz auf mich. Denn früher hätte das alles noch viel viel schlimmer ausgesehen. Denn dann hätte ich JEDEN meiner Finger bis zum blutig werden bearbeitet. Bei den Lippen hätte ich so lange weitergemacht, bis vor lauter Entzündung und Stress Herpes entstanden wäre. Heute ist es so, dass ich mir für die Daumen dann die Nagelschere hole und die Hautfetzen, die mich störe abschneide. Und für die Lippen benutze ich vor allem über Nacht entweder Eucerin Aquaphor oder Hansaplast Wundheilsalbe

Außerdem gibt es noch zwei Stellen am Kopf, die ich seit einem halben Jahr immer wieder aufkratze. Ich habe mich mittlerweile damit abgefunden, dass diese Stellen mich anscheinend so starkt triggern, dass das Gefühl der Befriedigung nach dem Aufkratzen stärker ist als der Ärger, dass ich es wieder getan habe. Also ist das so. Und das „gönne“ ich mir bei dem Fortschritt in den letzten 12 Monaten dann auch. 

 

Der aktuelle Stand

Ausblick 2020

Einen Ausblick zu geben fällt bei dem Thema natürlich etwas schwer. Allerdings ist natürlich die größte Veränderung, dass ich keine Therapie mehr mache und „alleine“ klar kommen muss. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass ich das schaffe. Und falls nicht, wäre ich sogar bereit, für notwendige Therapiestunden auch privat zu zahlen. 

Außerdem habe ich im vergangenen Jahr gelernt, mehr in mich hineinzuhorchen und zu überlegen, welche Dinge mich mehr negativ stressen und welche mir Energie geben. 

Durch meine Führungsaufgabe habe ich mich noch viel besser kennengelernt und werde deshalb im Februar eine Weiterbildung zur systemischen Organisationsentwicklerin machen. Ich habe wirklich sehr sehr lange überlegt, ob ich mir das jetzt noch zusätzlich „aufbürden“ soll, aber ich merke, wie sehr mir die Arbeit mit Teams in Organisationen Spaß macht und dass mich der Gedanke, diese Weiterbildung zu machen, wahnsinnig motiviert. Also: Ist zwar Stress, aber positiver. 

Denn Stress ist bei mir nicht gleich Stress. Für mich gilt also am meisten für die Zukunft herauszufinden, welcher Stress positiv und welcher negativ ist. Und letzteres natürlich zu vermeiden. 

 

Therapie beenden

Wenn man eine Therapie begonnen und beendet hat, so ist es für die nächsten 2 Jahre nicht mehr möglich, eine Therapie in derselben Richtung zu machen. Sollte man also weiterhin bedarf haben, so muss man entweder privat zahlen oder die Möglichkeit prüfen, ob ein "Verfahrenswechsel" der Therapie stattfinden kann. Also dass man z.B. von der Verhaltenstherapie in die analytische Psychotherapie wechselt.

Bye bye for now?

Das hier soll natürlich nicht der letzte Beitrag bleiben. Ich werde versuchen, auch im nächsten Jahr immer mal wieder Einblicke zu geben, wie es mir auf meinem Skin Picking Weg zu geht. 

Vielleicht hat ja der ein oder andere Beitrag auch euch etwas gelehrt oder dazu inspiriert, selbst Möglichkeiten der „Heilung“ auszuprobieren. Ich freue mich natürlich sehr über Nachrichten von euch. 

Ich wünsche euch allen ein tolles, neues Jahr! 

Antje

Antje

2 Kommentare

Eva Veröffentlicht am1:06 am - Dez 30, 2019

Hallo liebe Antje,
vielen lieben Dank für deine offene Art! Welche Dinge/Sachen/Gedanken helfen dir, nicht zu knibbeln?
Bei mir ist es sehr ähnlich und ich mache alles mit mir selbst aus – es ist mein Ventil.

Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und einen guten Rutsch, Gesundheit und privaten sowie beruflichen Erfolg für 2020.

Viele liebe Grüße, Eva

    Antje Veröffentlicht am9:14 am - Jul 1, 2020

    Liebe Eva,

    entschuldige bitte die späte Antwort, leider habe ich gar keine Nachricht zu deinem Kommentar bekommen.
    Also tatsächlich hilft mir eine gewisse Routine – vor allem in diesem turbulenten Jahr. Das beginnt mit Meditation am Morgen, über regelmäßige Bewegung und seit neuestem auch kreative Arbeit. Ich hatte vor ein paar Wochen wieder eine extreme Knibbel-Phase aufgrund der Corona-Thematik und der damit einhergehenden Unsicherheit. Aber ich habe versucht, da nicht böse mit mir zu sein, sondern einfach zu akzeptieren, dass es halt gerade Ausnahmezustand ist und ich dadurch stark getriggert werde. Und ich habe wieder mit den Gelnägeln angefangen. Ich werde dazu aber direkt mal einen neuen Beitrag schreiben, der letzte ist ja schon viel zu lange her.

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